
Wie wird das heurige Jahr an der Börse? Was ist beim Kauf von Aktien zu beachten und wie soll mehr Unternehmen der Gang an die Börse schmackhaft gemacht werden? Informieren Sie sich im folgenden Interview.
Frau Mag. Kuras, Sie sind seit Anfang März im Vorstandsteam der Wiener Börse. Ihr Antritt fällt in eine Phase, da der Aktienindex ATX seit Jahresbeginn deutlich im Aufwärtstrend war, seither aber an Schwung eingebüßt hat. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Mag. Kuras: Ich darf in meiner Funktion keinerlei Empfehlungen abgeben. Aber ich möchte auf die aktuellen attraktiven Bewertungen der österreichischen Aktien hinweisen. Betrachtet man etwa das Kurs-Gewinn-Verhältnis des ATX, so sind die österreichischen Titel im internationalen Vergleich attraktiv und liegen auch im langfristigen Vergleich unter dem Durchschnitt. Unter den österreichischen Unternehmen gibt es auch zahlreiche interessante Dividendentitel, die schon allein aufgrund ihrer Ausschüttung an die Aktionäre anderen Anlageformen wie dem Sparbuch oder Anleihen überlegen sind. Und nicht zuletzt sind die Märkte in Österreich und Osteuropa im vergangenen Jahr besonders stark eingebrochen, was aber auch bedeutet, dass hier der Aufholbedarf überdurchschnittlich groß ist.
Wie viel Potenzial steckt im ATX? Wie wird das Jahr 2012 für die Wiener Börse?
Kuras: Der Leitindex der Wiener Börse, der ATX, hat im 1. Quartal um 14,13 % zugelegt. Das war das stärkste Kursplus (in einem ersten Quartal) seit 2004. Ich erwarte für dieses Jahr auch weiterhin eine gute Entwicklung für Österreich, denn die heimischen Unternehmen sind gut positioniert und konnten in der vergangenen Berichtssaison zum 4. Quartal 2011 überwiegend mit positiven Nachrichten aufwarten. Wesentlich stabilisiert haben sich auch die Ausblicke.
Der Aktienbesitz ist im europaweiten Vergleich in Österreich eher unterdurchschnittlich. Rund eine Million besitzen hierzulande Aktien. Die neue Wertpapier-KESt wird wohl nicht dazu beitragen, dass sich das bessern wird. Wie wollen Sie hier gegensteuern? Welche Rahmenbedingungen wünschen Sie sich?
Kuras: Im internationalen Vergleich ist Österreich nach wie vor leider ein Aktienentwicklungsland: In Österreich sind rund 17 % des Gesamtvermögens in Aktien, Beteiligungen und Investmentzertifikate investiert. Der europäische Durchschnitt ist mit 32 % fast doppelt so hoch. Die Wertpapier-KESt hilft naturgemäß nicht, Aktieninvestments attraktiver zu machen, aber ich sehe im geringen Aktienbesitz vor allem das grundsätzliche Problem, dass man sich hierzulande zu wenig mit Wertpapieren beschäftigt. Daher müssen wir das Thema Aktien stärker an die Privatanleger bringen, und zwar von Kindesbeinen an. Mein langfristiges Ziel ist es, die Politik davon zu überzeugen, die Kapitalmarktbildung im österreichischen Schulwesen zu verankern.
Jim Rogers, den Sie kennen und der als derjenige gilt, der vor 27 Jahren die Wiener Börse "wachgeküsst" hat, meinte kürzlich in einem Interview, er würde kaum noch Aktien kaufen. Was würden Sie ihm darauf antworten?
Kuras: Langfristig betrachtet ist die Aktie das attraktivste Anlageinstrument. Und zwar unabhängig vom konkreten Einstiegszeitpunkt. Der langfristige Trend wird zwar immer wieder durch Wellen des Optimismus oder Pessimismus überlagert, die zu übertriebenen Kursausschlägen nach oben und unten führen können. Aus diesem Grund sollte man auch nicht ausschließlich in Aktien investieren. Und vor allem nicht jenes Geld in Aktien investieren, das man kurzfristig wieder benötigt, denn dann kann passieren, dass man teuer kauft und zu ungünstigen Kursen gezwungen ist zu verkaufen. Kurzfristig mit Aktien Erfolg zu haben, ist auch eine Glücksache. Aber gleichzeitig zeigen die historischen Zeitreihen, dass in der Vergangenheit breit gestreuter Aktienbesitz langfristig keine Frage von Glück oder Pech war, sondern immer eine gute Entscheidung dargestellt hat.
Um Börsengänge ist es in den vergangenen Jahren sehr still geworden – mit der AMAG gab es vor einem Jahr den letzten Börsengang? Rechnen Sie in der nächsten Zeit mit einer Belebung?
Kuras: Es gibt sehr wohl ein großes Interesse für Kapitalerhöhungen und IPOs an der Wiener Börse, aber wann genau wir diese sehen werden und wie viele Unternehmen wir neu an der Wiener Börse begrüßen werden können, kann ich aus heutiger Sicht nicht abschätzen. Wenig Trost, aber dennoch: Die Wiener Börse steht nicht alleine da, ganz Europa wartet auf Eisbrecher-IPO.
Was wollen Sie unternehmen, um mehr Unternehmen den Gang an die Börse schmackhaft zu machen?
Kuras: Mir ist es ganz besonders wichtig, einen regelmäßigen Dialog mit den Unternehmen zu führen und sie davon zu überzeugen, dass das Heimmarktkonzept das richtige ist. Denn – das ist ein weltweites Phänomen – der Handel mit Aktien eines Unternehmens findet zu einem überwiegenden Teil an der Heimatbörse statt, also in dem Land, in dem das Unternehmen ansässig ist. In persönlichen Gesprächen mit den Unternehmen möchte ich ihre Bedürfnisse, aber auch ihre Ängste im Hinblick auf einen Börsegang kennenlernen und klären, ob und warum eine Börsenotiz Sinn macht. Ich werde den Unternehmen auch aufzeigen, wie der Kapitalmarkt für Wachstum genützt werden kann und dass sich dadurch die internationale Konkurrenzfähigkeit sowie die Attraktivität als Arbeitgeber erhöht und somit nachhaltig die Position des Unternehmens gestärkt wird.
Wir danken für das Gespräch.
Mai 2012
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